Meinung des Tages: "Babo - die Haftbefehl-Story" - die Doku schlägt große Wellen - was haltet Ihr von derartigen Formaten?

Ich halte nichts von derartigen Dokus, da... 47%
Ich schaue solche Dokumentationen gerne, weil... 31%
Es kommt auf das Thema an, z.B... 22%

119 Stimmen

24 Antworten

Es kommt auf das Thema an, z.B...

Rap ist nicht so mein Ding .. darum werde ich die Doku nicht sehen, habe aber den SPIEGEL Artikel mit Interesse gelesen.

Mir fällt dazu was anderes ein, wie unsere Medien, in diesem Fall der SPIEGEL, Künstler willkürlich hypen oder niedermachen.

Haftbefehl, verurteilter Straftäter, Drogensüchtig aber egal. Kommerziell Erfolgreich mit Liedern die provozieren und verstören können. Seine Kunst wird in den Mittelpunkt gestellt. Was ich ok finde auch wenn ich mit dieser Kunst wenig anfangen kann.

Till Lindemann ebenfalls Ausnahmekünstler und ziemlich erfolgreich, Inhalte ebenfalls provokativ und verstörend. Aber nichts über Drogen bekannt, keine Verurteilung, nicht einmal eine Anklage hat es gegeben. Bekannt ist ein ausschweifendes Sexleben, was bei Rockstars nun wirklich keine Schlagzeile mehr ist. Aber der wird gecancelt noch so lange zurückliegende Vorfälle wurden ausgegraben.

schon seltsam ...


Knovieh  06.11.2025, 11:09

Beim Spiegel wundert mich das nun überhaupt nicht.

Ich halte nichts von derartigen Dokus, da...

Alleine wegen seiner angeblichen Musik, das ist schon schwere Körperverletzung, so etwas als Musik zu bezeichnen.


Muktamani  06.11.2025, 10:24

Ich glaube nicht, dass Rap als "Musik" gesehen werden kann, nicht nur.

Und es ist eine Kunstform die ich respektiere und bei vielen Künstlern auch sehr hoch schätze. Befasse dich mal ganz ohne Vorteile, Blick auf die Szene, oder musikalischer Voreingenommenheit damit. Nur die "Kunst" an sich. Du wirst staunen!

https://youtu.be/jJmV1A4O1eM?si=mkw6Mu18UaUeU9dz

CEW1971  06.11.2025, 10:45
@Muktamani

Rap ist keine Kunst. Das ist dummes Gelaber. Commedy haben wir genug, die machen das Gleiche. Nur sagen nicht Gesang dazu.

Muktamani  06.11.2025, 10:48
@CEW1971

Schön, dass man verschiedener Meinung sein darf, meinst du nicht?

Dichten ist eine Kunst - da stimmst du mir doch zu, oder? Dann ist es Rappen auch.

Schade, dass du es nicht erkennen kannst.

CEW1971  06.11.2025, 11:03
@Muktamani

Naja, als ich die Wasserleitung gedichtet habe, bei mir, das war eine Kunst.

Die Netflix-Doku über Haftbefehl zeigt einen Mann, der sich selbst kaum noch versteht. Sie will keine Heldenreise erzählen, sondern eine Beichte. Trotzdem kratzt sie in entscheidenden Momenten nur an der Oberfläche. Gerade bei seinem Drogenkonsum bleibt vieles unausgesprochen. Man sieht das Zittern, die Panik, die Müdigkeit, aber selten wird der innere Mechanismus offengelegt, der ihn immer wieder zurück zur Droge zieht. Die Kokainsucht erscheint als zerstörerische Gewohnheit, nicht als Folge einer jahrzehntelangen inneren Leere. Die Doku lässt ahnen, dass Haftbefehl seine Drogen nicht zum Feiern nahm, sondern um zu überleben. Es geht weniger um Rausch als um Flucht. Doch dieser Aspekt wird zu wenig seziert. Die Doku beobachtet, statt zu erklären, und genau das wirkt zu passiv angesichts des Ausmaßes seiner Abhängigkeit.

Das Thema der Weitergabe von Traumata an die Kinder ist noch schmerzlicher. Der Tod seines Vaters war der Kern seines Bruchs mit der Welt. Nun sieht man, wie sich dieser Schmerz fortpflanzt. Seine Kinder spüren die Abwesenheit, sie erleben einen Vater, der sie liebt, aber nicht stabil sein kann. Wenn er von ihnen spricht, klingt es ehrlich, aber hilflos. Es ist ein Kreislauf aus Verlust, Schuld und Sehnsucht. Die Doku zeigt keine direkte Gewalt, aber eine Form emotionaler Verwüstung. Das ist die stille Tragödie dieser Geschichte. Aykut Anhan will kein zweiter Vater sein, der verschwindet, aber er ist ständig dabei, es doch zu werden. Die Doku macht das sichtbar, ohne es auszusprechen.

Sein Verhalten gegenüber seiner Frau offenbart ein weiteres Machtgefälle. Sie trägt die Last, während er zwischen Depression, Kokain und Studioauftritten schwankt. In mehreren Szenen sieht man ihre Müdigkeit, ihre Sorge, ihre stille Wut. Sie ist nicht die Frau eines Stars, sondern eine Frau, die um einen Mann kämpft, der kaum noch da ist. Seine Männlichkeit wirkt hier gebrochen und zugleich gefährlich unreflektiert. Er will stark wirken, kontrolliert, der Versorger, der Beschützer. Doch seine Stärke existiert nur noch in der Pose. Die Doku macht klar, dass er seine Schwäche kaum zulassen kann, ohne sich selbst zu verachten. Diese innere Verweigerung trifft zuerst die, die ihm am nächsten stehen.

Die Musikbranche erscheint als ein System, das solche Figuren erst großmacht und dann ausbluten lässt. Haftbefehl ist dort Marke, Mythos und Kapital zugleich. Sein körperlicher und seelischer Verfall wird nicht gestoppt, sondern vermarktet. Wenn er auf der Bühne steht, feiern ihn alle, obwohl jeder sieht, dass er kaum noch steht. Die Doku legt diese Heuchelei offen, ohne sie beim Namen zu nennen. Kein Labelchef spricht über Verantwortung, kein Kollege über Hilfe. Alle betonen seine Genialität, niemand spricht über seine Krankheit. Diese Gleichgültigkeit ist das eigentlich Erschütternde. Das System braucht den Künstler, aber nicht den Menschen.

Am Ende bleibt ein bedrückendes Bild. Die Doku zeigt einen Mann, der seine Kinder liebt, seine Frau verletzt, seine Gesundheit zerstört und von einer Branche umgeben ist, die ihn lieber benutzt als versteht. Sie ist ehrlich genug, um weh zu tun, aber zu zurückhaltend, um das ganze Ausmaß des Versagens zu zeigen. Aykut Anhan steht stellvertretend für viele Künstler, die ihre Seele verkaufen mussten, weil niemand rechtzeitig hingeschaut hat.


baucolo  28.11.2025, 19:35

Sehr gute Punkte!

isilang  06.11.2025, 10:51

Und welche Verantwortung trifft ihn selbst?

Aykut Anhan steht stellvertretend für viele Künstler, die ihre Seele verkaufen mussten, weil niemand rechtzeitig hingeschaut hat.

Niemand muss seine Seele verkaufen.

Es kommt auf das Thema an, z.B...

Ich habe die Doku gesehen, obwohl ich ganz sicher kein Rap-Fan bin. Ich fand sie sehr gut und den Haftbefehl beeindruckend. Ich ziehe den Hut vor so viel Ehrlichkeit und Mut, sein Leben derart ungeschönt und völlig ab von jedem Ruhm und Glanz, zu erzählen.

Ein toller Typ und ich wünsche ihm alles Gute.

Woher ich das weiß:Hobby – Recherche, Literatur, Exkursionen, Erfahrung praktisch,theor

Bestimmt interessant, das hat mit meinem Leben aber nicht das geringste zu tun.

(Irgendwann kommt man an einen Punkt, wo man weiß, was einem gut tut und was nicht.)

Ich halte diese Person für authentisch und er hat mein Mitgefühl, aber mein Inneres sagt - den Schuh ziehe ich mir nicht an.