19. September 2025

AMA: Deine Fragen an eine Pferdetrainerin & Angstreiter-Coachin

Das Glück der Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde - in der Welt von unserer Nutzerin Punkgirl512 stimmt das zu 100 Prozent. Schon immer war sie absolut Pferde-verrückt und hat nun ihr Hobby zum Beruf gemacht. Als Pferdetrainerin und Angstreiter-Coachin hilft sie anderen Menschen im Umgang mit den Tieren. Deine Fragen rund um diesen Themenbereich sowie Pferde, Haltung und Umgang im Allgemeinen, beantwortet sie im Blickwechsel am 19. September.
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60 Fragen

Braucht der Reitsport eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte und Ziele?

Ich hab in den 1990ern Reiten gelernt, also schon vor einer ganzen Weile ;). Wenn ich mir die heutige Pferdewelt so anschaue, gibt es da zwar einige durchaus positive Entwicklungen hin zu gewaltfreien Trainingsansätzen, mehr Fokus auf die Arbeit in alle Richtungen vom Boden aus, erheblich bessere Haltungen und auch mehr Sicherheitsausrüstung, die das Risiko auf schwere Verletzungen wirklich reduzieren kann.

Gleichzeitig sehe ich aber auch eine Entwicklung in Extreme in vielen Richtungen, die bei mir enorme Fragen aufwerfen, wann genau von den ursprünglichen Werten und Zielen des Reitsports abgewichen wurde. Zum Beispiel, dass die klassische Dressurreiterei Basis und Ziel allen gesunderhaltenen Reitens sein soll, dass man damit das Pferd gymnastiziert und kräftigt, damit es sich unter dem Reiter gut selbst tragen, ausbalancieren und seine natürlichen Bewegungsabläufe optimal präsentieren kann. Stattdessen wilde Strampelbeinchen außer Takt, Fokus auf eine Kopfhaltung über Zügel statt über den Rücken, Hinterhände, die definitiv nicht mehr Motor und tragende Kraft dabei sind, Missbrauch von Sporen und Kandarren, die man sich früher noch durch besonders ruhige Hände und Beine verdienen musste...

Auch in der Pferdezucht scheint es nicht mehr darum gehen, psychisch und physisch gesunde, "langlebige" Pferde zu züchten, sondern ebensolche Strampelbeinchen. Besonders auffällig finde ich das übrigens bei Haflingern und Norwegern. Wann und warum genau wurde aus diesen klugen, nervenstarken, kräftigen, gesunden, frechen Pferdchen irgendwo an der Grenze zwischen Pony und Pferd, auf die man sowohl guten Gewissens Kinder als auch etwas ängstliche Erwachsene setzen konnte, diese überspannten, schmalen, im Vergleich regelrecht fragil wirkenden, langbeinigen Miniwarmblüter, die trotzdem aufgrund ihrer abweichenden Optik auf Turnieren keine guten Noten von Richtern bekommen?

Und auch in der Freizeitreiterei: Fokus auf tolle Fotos für Insta im Stil von Ostwind, für die extremste Risiken eingegangen werden wie Herumhoppeln im Gelände nur mit Halsring, offenen Wallehaaren, ohne Helm. Oder Ausgaben in Höhe von Stallmieten für ein ganzes Jahr für die neueste Schabrackenkollektion in allen Farben des Regenbogens. Oder der Trend, dass man angeblich das Pferd "um Erlaubnis bittet", es zu putzen, zu führen oder zu reiten...

Oder auch beim Blick über den großen Teich: warum zur Hölle wird dort eine Form des Westernreitens unter dem Titel "Western Pleasure" betrieben, bei der es offenbar darum geht, diese eleganten Tiere mit ihren wunderschönen Bewegungsabläufen vorzustellen, als wären es uralte, schwerst kranke, stocklahme Tiere, bei denen der richtige Moment zur Euthanasie um Monate überschritten wurde?

Da frage ich mich halt echt, ob es nicht an der Zeit wäre, dass alle mal kurz innehalten, sich auf Ursprung und Ziel des Reitsports zurückbesinnen, die positiven Entwicklungen mitnehmen, aber diese ganzen merkwürdigen Triebe wieder als Irrtum und falsches Abbiegen verbannen... Oder übersehe ich irgendwas?